Zitternd lag sie unter den Brettern, die an die alte, klapprige Scheune gelehnt standen. Ihr Fell war zerzaust und stumpf. Es bildete stellenweise kleine Knubbel, die ihr Fell struppig aussehen ließen. Hier und da waren manche Stellen in ihrem früher einmal braunen Fell kahl. Nun ist es grau- gelb und sie sieht wirklich nicht schön aus. Ein Fußtritt der Menschen, die in dem Haus wohnten, hatte sie krumm, ein Steinwurf halb blind gemacht.
Durch eine Infektion verlor sie einen Lauf. Mit ihrem übrig gebliebenem Auge schaut sie in die dunkle, kalte Nacht. Sie leckt ihren Fußstummel und rollt sich dann hustend und wimmernd zusammen. Sie steckt die Nase unter ihre immer noch buschige Rute. Trotz dieser Defekte trug sie ihr Näschen hoch und ihr Schwänzchen aufrecht. Seit nunmehr 17 Jahren schon. Sie bellte jeden fremden Hund, der sich blicken ließ, wütend an und ihre Beschimpfungen galten ihm auf seinem Rückzug nach.
Die Kinder, die in dem Haus lebten, fürchtete sie. Den Hausherren selbst haßte sie, weil er ihre kaum geborenen Jungen immer wegnahm und, bis auf ein einziges, in den See warf.
Nun, schon im Greisenalter, bekam die Spitzin abermals Junge. Vier an der Zahl, von denen drei ins Wasser mussten. Sie konnte kaum noch eines ernähren, denn sie war zu alt und zu schwach. Es sah ganz danach aus, als ob sie nicht mehr lange leben konnte.
Am nächsten Morgen war etwas anders. Nicht der Hausherr kam um ihre Jungen zu holen, sondern einer seiner Bälger und ein anderer Junge, den sie noch niemals gesehen hatte. Er arbeitete wahrscheinlich für den Hausherren. Diesmal jedoch machte es dem Sohn des Hausherrn kein Vergnügen, etwas zu machen, was einem anderen Geschöpf wehtat, denn die Spitzin war bissig, wie ein Wolf wenn sie Junge hatte.
„Der Vater fürcht si vor ihr“, sagte der Sohn des Hausherren zu dem unbekannten Jungen, „drum schickt er mi. Komm mit, halt sie, wenn ich ihr die Jungen nimm, halt ihrs Maul zu, dass mi nit beißen kann.“
Auf einer Hand voll Stroh lag die Spitzin und unter ihr und um sie krabbelten ihre Kleinen und winselten und suchten mit blinden Augen und tasteten mit weichen, hilflosen Pfötchen.. Die Spitzin hob den Kopf , als die Knaben sich näherten, ließ ein feindliches Knurren vernehmen, fletschte die Zähne.
„Dummes Viech, grausliches!“, schrie der Sohn des Hausherrn. „Halt sie, dass sie mi nit beißt!“
Schon recht, wenns di beißt, dachte der Unbekannte. Es fiel ihm nicht ein, sich um des Hausherrn Sohn auf einen gefährlichen Kampf mit der Hündin einzulassen. Nur um die eigene Sicherheit war ihm zu tun und so nahm er seine Zuflucht zu einer Kriegslist, kauerte auf den Boden nieder und hob mit kläglicher Stimme an: „ Oh die orme Spitzin, so , so..., ma tut ihr jo nixs, ma nimmt ihr jo nur ihre Jungen, no jo, no jo.“ Die Spitzin zauderte, knurrte noch ein wenig, doch mehr behaglich jetzt als bösartig. Die Worte, die der Unbekannte zu ihr sprach, verstand sie nicht aber seinen sanften, beschwichtigenden Ton verstand sie und dem glaubte sie.
Was wusste die Spitzin von Arglist und Heuchelei? Ein Mensch sprach einmal gütig zu ihr, so war auch seine Meinung gütig.
Sie legte sich hin, ließ sich streicheln, schloss bei der ungewohnt wohltuenden Berührung wie zu wonnigem Schlaf ihre Augen. Die Schnauze legte sie in des Unbekannten hohle Hand und leckte sie ihm dankbar und zärtlich. „Packs z´samm. Mach gschwind!“ Und der Sohn des Hausherrn griff nach 3 Jungen, sprang auf und rannte mit ihnen in großen, fröhlichen Sätzen die Uferböschung zum See hinab. Der Unbekannte folgte ihm eiligst um sich dies mit anzusehen, wie die Hündchen ertränkt wurden.
Er war ab seinem zweiten Lebensjahr Waise und musste sich alleine durchkämpfen. Sein Leben lang wurde der Unbekannte geschlagen und getreten, verhöhnt, mit Steinen beworfen und verjagt. Seine Kleidung war schmutzig und zu klein. Seine Haut braun und dreckig. Nie bat er um etwas immer forderte er. So zum Beispiel bei der Wirtin, bei der er jeden Morgen Milch bekam auf sein Rufen: „Mei Müalch!“ Nun wollte sie ihm keine mehr geben, wenn er es nicht lernen würde zu bitten. Ihm bereitete es Freude andere Geschöpfe so zu behandeln, wie er behandelt wird. So konnte er sich diesen Spaß natürlich nicht entgehen lassen.
Am Abend bekam der Unbekannte seinen Schlafplatz zugewiesen. Er schlief neben der Hündin unter einem alten Bretterkasten der gerade groß genug war, dass der Unbekannte mit angezogenen Füßen ohne nass zu werden, schlafen konnte. Die Nacht wurde sehr lang und schlaflos für ihn. Die Spitzin winselte und schnüffelte und suchte nach ihren Jungen, kratzte an der Tür, scharrte ein bisschen Stroh auseinander und wieder zusammen, kroch hinter den Holzstoß, drängte sich in die Ecke, in der die Werkzeuge standen, warf ein paar Schaufeln um und flüchtete voll Entsetzen. Eine Zeit lang war Ruhe, dann trippelte sie wieder herum und suchte und suchte. Ihr Trippeln weckte ihn. Er brauchte den bombenfesten Schlaf um die Müdigkeit und den Hunger zu verschlafen. Doch diese verflixte Hündin brachte ihn um diesen für ihn wichtigen Schlaf.
Eine Woche verstrich so. Immer noch hatte die Spitzin sich nicht ganz beruhigt, suchte und schnüffelte besonders bei Nacht in ihrem Verschlag herum. So geschah es, dass sie den Unbekannten einst zu besonders unglücklicher Stunde weckte. Er hatte sich erst spät auf sein Lager legen dürfen und brauchte nun den Schlaf erst recht. Er schrak aus seinem Schlaf auf und war sauer, dass er nicht einmal nach dieser elenden Plackerei ein paar Stunden ungestörten Schlafes genießen konnte. Die Spitzin scharrte und suchte und suchte und der Unbekannte drohte und polterte mit den Füßen gegen die Bretterwand. Diese gab nach und fiel krachend in den Bereich der Spitzin. Sie stieß ein erschrockenes Gebell hervor und das Kleine winselte, dann war alles still. „Wirst jetzt an Fried geben, Rabenviech?“, murmelte der Unbekannte und legte sich zurecht um wieder zu schlafen. Aber ausgerechnet jetzt wollte es mit dem Einschlafen nicht gehen. Trotz der Stille und trotz seiner Erschöpfung und trotz seiner Schlaftrunkenheit. Allerlei Gedanken kamen einhergeschlichen, ganz neue Gedanken, nie von ihm gedachte. Ja, die Spitzin war ein Rabenviech mit ihrer Sucherei, wenn aber seine Mutter auch so gewesen wäre wie sie und so rastlos anch ihm gesucht hätte, sie hätte ihn sicher gefunden. Er hatte ja in der Zeitung gestanden und war angeschlagen am Bezirksamt. Am Ende hat sie gar nicht verlangt ihn zu finden. Wäre er bei ihr gewesen hätte er wahrscheinlich geraucht und getrunken. Er hätte Essen zur Genüge gehabt. Was für ein wundervolles Leben malte er sich aus.
Als die Spitzin nebenan wieder anfing zu stöhnen und zu kratzen, riss sie ihn aus seinen Träumen. Zornig richtete er sich auf, nahm ein Scheit Holz und trat in den eingeworfenen Verschlag der Hündin und führte wuchtige Schläge gegen den Boden, auf dem die Spitzin im Dunkeln ängstlich herumschoss. Er sah nicht wohin er drosch. Er schlug nach rechts, nach links, vor und zurück und endlich erwischte er sie. Da zuckte etwas Weiches, Lebendiges unter seinen wütend geführten Hieb. Ein kurzes, klägliches Geheul gellte an des Unbekannten Ohr. „Das Rabenviech hat genug, wird Ruhe geben, eine Weile wenigschtns.“ Er ging zurück zu seiner Lagerstätte und schlief gleich ein.
Ein paar Stunden später erwachte er plötzlich aus seinem Schlaf. Er träumte der Hausherr hätte ihn für diese Tat halb tot geschlagen. Schweiß lief ihm über das Gesicht als sich etwas zwischen den Brettern rührte. Es war die Spitzin, die ihr Junges im Maul tragend zu dem Unbekannten kroch. Sie trug es an der Nackenhaut und das Blut, welches aus ihrem Maul lief benetzte das Junge. Sie schleppte es zu dem Unbekannten legte es vor ihm ab und drückte es mit ihrer Schnauze an dessen nackten Fuß und sah zu ihm auf. Ihre Augen hatten eine Sprache, die mehr sagte als jede Sprache schöne Worte bilden kann. Sie äußerten grenzenloses Vertrauen, eine flehentliche Bitte und man musste sie verstehen. Wie das Sonnenlicht durch die geschlossenen Lider des Unbekannten gedrungen war, so drang dieser Ausdruck durch den Panzer, der jede gute Regung von der Seele des Unbekannten fern gehalten hatte. „Jo jo“, stahl es sich aus seinen Lippen. Er antwortete ihr, die nun hinfiel, zuckte, sich streckte, die er erschlagen hatte und die gekommen war, ihm sterbend ihr Kleines anzuvertrauen.
Der Unbekannte zitterte. Eine fremde, unwiderstehliche Macht ergriff ihn, umwirbelte ihn wie ein Sturm. Sie warf ihn nieder und zwang ihn sein Gesicht auf das Gesicht des toten Hundes zu pressen und ihn zu küssen und zu liebkosen. Sein herz wollte ihm zerspringen. Ein Strom von quälendem Leid und Pein durchtobte es und erschütterte es bis auf den Grund. Ein von himmlischen Schmerz des Mitleids erfülltes Kind wand sich schluchzend am Boden und weinte um die alte Spitzin und weinte über ihr Kleines, das sich an seine Mutter drängte und sie anwinselte und Nahrung suchte der früher schon so spärlich fließenden und nun gänzlich versiegten Quelle. „ ´s is aus, da kriegst nix mehr“ , sagte der Unbekannte, nahm das Hündchen in seine Hände, legte es an seine Wange und hauchte es an; es zitterte und winselte kläglich. „Hunger hast, Hunger hast, no jo! No jo!“ Was anfangen mit dem anvertrauten Gut? Verdammt! Wenn doch noch die Ziegen da wären. Er würde eine melken, er täts, trotz der schrecklichen Strafe, die darauf steht. Aber die Ziegen sind fort und bis ihm jemand aus dem Haus einen Tropfen Milch für einen Hund schenkt, da kann er lange warten. „Ins Wasser kummst, wärn se sogen“, sagte er zum Hündchen, das etwas von dem guten Glauben seiner Mutter geerbt haben musste, es schmiegte sich an seinen Hals, saugte an seinem Ohrläppchen und klagte ihm seinen Kummer mit wimmern und klagen.
Er wusste schon, nur wie helfen wusste er nicht. Was sollte er ihm zu essen geben. Um zu vertragen was er hinunterschlingt gehört ein anderer Magen, als so ein Kleines hat.
Da fiel ihm ein – nein dieses Mittel konnte er nicht ergreifen. Lieber verhungern. Doch da dämmerte ihm eine Erkenntnis auf, von der er gestern noch keine Ahnung gehabt hatte. Verhungern lassen ist etwas ganz anderes als verhungern. Das Kleine gab das saugen am Ohrläppchen auf. Davon wurde es ja doch nicht satt. Schau und gequält blickte er zu der toten Spitzin nieder. Ja, wenn das Junge leben soll, darf man ihm die Mutter nicht erschlagen. „No, so kumm!“, stieß er plötzlich hervor und sprang aus dem Verschlag und schritt resolut vorwärts und dem Dorf zu, biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten, sah nicht rechts noch links und ging unaufhaltsam weiter. Noch rührte sich nichts auf den Felder. Erst in der Nähe der Häuser fing es an, ein wenig lebendig zu werden. Er lief zum Wirtshaus, vor dem er der Magd begegnete, die ihre Faust erhob und ihm befahl, sich zu packen. Ihn störte das nicht, er ging an ihr vorbei, wie einer, der mit dem Kopf durch die Wand will. Finster und entschlossen, das Kinn auf die Brust gepresst, trat er durch die offene Küchentür. Die Wirtin wendete sich zu ihm. „Grad zum Fürchten“ sah der Bub aus und seine Stimme klang so rau und hatte etwas Schmerzhaftes, als ob ihr Ton die Kehle zerisse, durch die er gepresst wurde. „Wirtin, Frau Wirtin, i bitt um a Müalch.“