Damals war ich noch sehr klein. Die Trennung von meiner Mutter viel mir sehr schwer. Sie musste gehen. Sie musste viel zu zeitig gehen. Der Hunger war Schuld und auch die Kälte.
Nun waren wir 3 alleine. Auch eng aneinander gekuschelt, war es sehr kalt. Meine beiden Brüder waren noch sehr klein. Sie weinten jämmerlich als unsere Mutter von uns ging. Ich wußte, dass auch ich einmal gehen werden muss. Ja, ich wußte, dass irgendwann alles gehen muss.
Nun war ich die Älteste. Ich musste mich um meine Brüder kümmern. So nahm ich sie und versteckte sie
in einer alten Scheune zwischen Heu und Stroh. Dort war es etwas wärmer. Ich brachte ihnen alles was ich finden konnte für sie zum Fressen. Ich fand nicht sehr viel. Mit der Zeit wurde ich schwächer, doch ich musste nun mal für meine Brüder sorgen und so ging ich Tag ein Tag aus raus in die Kälte und Feuchtigkeit um Futter zu finden. Schon lange hatte ich nichts mehr gefunden. Meine Brüder jaulten nun nicht mehr nur vor Trauer sondern auch vor Hunger.
Jan der kleinere von beiden war nun auch nicht mehr so munter. Er schlief nur noch und fraß kaum. Ich hatte enorme Angst, dass er uns auch verlassen würde. Eric, der größere der beiden, war auch nicht mehr so munter wie am Anfang, jedoch fraß er noch. Ich wußte nicht was ich noch tun sollte. Die Nächte und auch die Tage wurden immer kühler und Futter gab es immer weniger.
Eines Abends dann konnte auch ich meinen Schmerz nicht mehr unterdrücken und so jaulte ich und weinte die Nacht hindurch. Am nächsten morgen beschloss ich bei Eric und Jan zu bleiben. Futter gab es keins, welches mich hätte locken können und so wollte ich nun Energie sparen. Ich schlief wieder ein. Ich weiß nicht wie lange ich schlief, doch als ich seltsame Geräusche hörte war ich hellwach. Nie in meinem Leben hatte ich so etwas gehört. Es war... ich kann es nicht beschreiben. Wie erstarrt lauschte ich diesen seltsamen Klängen. Plötzlich traf ein greller Lichtstrahl meine Augen und ich sah für wenige Momente nichts. Dann wieder diese faszinierenden Geräusche. Mir schien sie kamen näher.
Und dann sah ich es.
Es war so groß und es ging auf den Hinterpfoten. Wo war seine Rute? Wo war sein Fell? Es war sonderbar und faszinierend. Ich setzte mich auf. Nun sah es auch mich. Für einen Moment unterbrach es diese sonderbaren Klänge. Mein Herz klopfte. Dann fingen die Klänge wieder von neuem an. Wie in Trance schlich ich langsam auf dieses Wesen zu.
Skeptisch blieb ich in einiger Entfernung vor ihm stehen. Diese Klänge wirkten so beruhigend, so wunderbar und wunderschön. Das Wesen setzte sich auf den Boden und streckte eine Pfote nach mir aus. Erschrocken sprang ich zurück. Es hob die Maulwinkel und zeigte die Zähne. Dabei stieß es komische Laute aus. Ich knurrte, denn nun hatte ich doch Angst. Das Wesen zog seine Pfote wieder ein und kehrte mir dann den Rücken und ging.
Nach einiger Zeit kam es wieder. Es hatte etwas mit gebracht. Erstaunt darüber, dass es dieses Ding mit den Pfoten, an Stelle des Fangs trug, setzte ich mich. Nun stieß es wieder diese wundervollen Klänge aus. Es stellte diese Ding dorthin, wo es selbst vorhin noch stand und setzte sich dann in einiger Entfernung davon hin. Es beobachtete mich. Ich schaute abwechselnd das Wesen und dieses Ding an. Mein Herz pochte abermals wie wild. Nun siegte meine Neugier und ich kroch geduckt auf dieses Ding zu. In diesem Ding roch es verführerisch nach Futter. Ich nahm vorsichtig und langsam ein Stück aus dem Ding und rannte dann so schnell ich konnte zu Jan und Eric. Ich legte es ihnen vor die Fänge. Eric schlang es wild schmatzend in sich hinein, doch Jan zuckte nicht einmal mit der Nase. Ich setzte mich auf. Wo war das Wesen jetzt hin? Ich lief wieder zu dem Ding. das Wesen war weg. ich ging zu der Stelle, an der es gerade noch saß und schnüffelte. Es roch. Nein, es duftete. Diese Gerüche kannte ich nicht.
Abermals nahm ich Futter aus dem Ding und brachte sie zu den Kleinen. Ich achtete darauf, dass Eric nicht alles fraß. Ich setzte mich zwischen Jan und Eric. Mit dem Fang schob ich ein Stück Futter direkt unter Jan´s Fang. Er öffnete die Äuglein und sah mich vorwurfsvoll an. Ich teilte vom Futter ein kleines Stück ab. Winselnd schob ich es unter seine Nase. Zaghaft öffnete er den Fang. Ich schob den Brocken hinein. Schmatzend schluckte er ihn hinunter. Nun öffnete er abermals sein Mäulchen. Wieder schob ich ihm ein kleines Stück hinein. Er schluckte nun so schnell hinunter, dass ich gar nicht mehr mit dem zerteilen der Beute hinterher kam.
Als von dem Stück nichts mehr übrig war, außer der Geruch an meinem Fang, wandte ich meinen Blick auf Eric. Aber ich sah nur Stroh und Heu und die Mulde in der er eben noch gelegen haben musste. Dann hörte ich ein leises wimmern und schluchzen. Eric hatte versucht zu dem Ding mit dem Futter zu krabbeln und war dabei in ein Loch gefallen, welches nur so flach wie er selbst war. Jedoch von der langen Fastenzeit geschwächt, schaffte er es nicht sich selbst aus dem Loch zu befreien und so trottete ich zu ihm, nahm ihn am Nackenfell, schüttelte ihn und brachte ihn dann zurück zu Jan. Er verstand und blieb nun dort.
Ich brachte ihnen alle Futterstücken bis in dem Ding nicht einmal mehr der Geruch übrig blieb. Diesen hatte ich nämlich genüßlich mit der Nase aufgesaugt. So wurde ich allein vom Duft der Mahlzeit satt.
Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Sonnenstrahl, der meine Ohren kitzelte geweckt. Ich gähnte und streckte mich. Nun dachte ich noch einmal darüber nach, was gestern passiert war. Ich erinnerte mich, dass gestern dort Futter war und so beschloß ich nachzusehen ob ich nicht doch welches übersehen hätte. Als ich um den großen Heuballen bog, erschrak ich, denn dort war wieder dieses Wesen. Ich hörte wieder diese wunderbaren Klänge. Und es duftete wieder nach diesem Wesen und nach Futter. Ich lief zu dem Ding, in dem ich gestern Futter fand, doch dort war keins.
Aber es roch doch nach Futter. Es kam von diesem Wesen. Ich setzte mich und betrachtete dieses Wesen wieder. Plötzlich streckte es die Pfote aus und da kam ein Schwall mit dem Geruch des Futters auf mich zu. Nun, da ich wußte wo das Futter war, brauchte ich es mir nur noch zu holen. So ging ich etwas geduckt auf das Wesen zu. Die Klänge beruhigten mich ein wenig. Nun war ich nur noch eine Barthaarlänge vom Futter entfernt. Vorsichtig nahm ich das Futter aus der Pfote des Wesen. Es passierte nichts. Nun stellte ich mich auf. Die Klänge gelangten von meinen Ohren bis tief in mein Gehirn und setzten sich dort fest. Nun hob das Wesen die andere Pfote, hielt aber inne als es bemerkte, dass ich zusammenzuckte.
Als daraufhin nichts geschah, richtete ich mich wieder auf, behielt aber die Pfote genau im Auge. Sie kam immer näher. Nun spürte ich die Berührung auf meinem Haupt. Es war wunderbar ungewohnt. Langsam glitt die Pfote von meinem Haupt über meinen Rücken bis zum Rutenansatz. Diese Empfindungen benebelten mir die Sinne ebenso wie die Klänge. Genußvoll fing ich an zu brummen.
Als das Wesen kein Futter mehr hatte, legte ich mich zu seinen Hinterpfoten. Seine Pfote strich immer noch über meinen Körper. Es war ein wundervolles Gefühl. Plötzlich vielen mir Jan und Eric ein. Ich sprang auf und trabte zu der Stelle an der ich sie zurückgelassen hatte. Eric kam mir sofort schwanzwedelnd entgegengetorkelt. Ich nahm ihn am Nackenfell und brachte ihn zu dem Wesen. Winselnd legte ich Eric vor dessen Pfoten ab. Als dieser wieder zu sich kam, erschrak er und versteckte sich sofort bei mir. Mit zufriedenem Brummen gab ich ihm zu verstehen, dass nirgends Gefahr war und so ging er mutig auf das Wesen zu. Dieses streckte auch Eric die Pfote entgegen und streichelte ihn sanft über das Haupt. Zufrieden fing er an zu grummeln. Nun war Jan an der Reihe. Ich brachte ihn auch zu dem Wesen. Auch er ließ sich bald streicheln.
Da nahm das Wesen Jan und Eric in seine Pfoten und ging mit ihnen weg von mir. Ich erschrak und lief schleunigst hinterher. Ich war so nervös, dass ich dieses große, laute, stinkende Ding, welches rasend schnell auf mich zukam, gar nicht bemerkte.
Heute erinnere ich mich nur noch an diesen schrecklichen Schmerz, der plötzlich kam. Dann war es dunkel.
Mir erschien es als wäre ich federleicht. Leichter als die Luft, die ich zum Leben brauchte. Ich schaute nach unten und erschrak. Nicht weil ich den Boden unter den Füßen verloren hatte, nein, ich sah mich. Ich sah meinen eigenen Körper. Und ich sah das Wesen, wie es meinen Körper hielt. Aus seinen Augen lief Wasser. Jan und Eric saßen bei dem Wesen und schleckten ihm winselnd das Wasser ab. Das Wesen nahm meinen Körper und brachte ihn von dieser Stelle weg. Ich entfernte mich immer weiter von ihnen und doch spürte ich kein Verlangen zurück in meinen Körper zu kehren. Ich verspürte Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, was ich noch nicht kannte, aber bald kennenlernen würde.
Ich schwebte durch glänzend feuchten Nebel und dann sah ich meine Mutter. Und ich sah einen anderen meiner Art an ihrer Seite. Ich wußte dies war mein Vater. Ich spürte es einfach. Ich freute mich die beiden endlich wieder zusehen und doch war ich traurig, dass Eric und Jan nun allein waren. Lange Zeit ging ich mit dieser Freude und der gleichzeitigen Trauer um.
Meine Mutter bemerkte meine Trauer und so bedeutete sie mir ihr zu folgen. Allein durch den Gedanken vermochte ich mich fortzubewegen. Sie bewegte sich mit mir durch den feuchten Nebel zurück.
Dann deutete sie auf dieses Wesen und auf zwei meiner Art an dessen Seite. Die beiden sahen uns und ich erkannte in ihnen meine beiden Brüder. Sie hatten sich sehr verändert. Sie waren größer geworden. Man sah ihre Rippen nicht mehr. Jan lief freudig zu einem Ort und zeigte uns schwanzwedelnd einen Ball. Eric zupfte das Wesen am Fell und es verstand. Noch eine Weile sahen wir zu wie sie mit dem Ball spielten. Ich war glücklich. Wir drehten uns fort und bewegten uns wieder zu dem feuchten Nebel. Ein letztes Mal blickte ich zurück. Da stand das Wesen. Es sah zu uns hinauf und zeigte die Zähne. Es lächelte. Und es berührte meine beiden Brüder so zärtlich und sanft, wie es mich damals berührte und nun hörte ich zum letzten Mal diese zärtlichen Klänge, die mir in Erinnerung geblieben waren.
Endlich mußte ich nicht mehr vor der Ewigkeit verweilen. Endlich war ich so glücklich und zufrieden, dass ich mit meiner Mutter und meinem Vater den Weg in die Unendlichkeit antreten konnte.