Traurig schauten ihre dunklen Augen zwischen den Gittern hindurch in die tiefschwarze Nacht. So lang sie denken konnte, war sie schon hier. Man kümmerte sich nicht schlecht um sie. Man gab ihr Futter, Wasser und ein warmes Zuhause. Sie sollte glücklich sein, doch sie war es nicht.
Sie war ja immer gefangen hinter diesen Gittern in dem befliesten Raum. Nur ein
Weidenkörbchen in dem eine Decke lag und ein breites Brett waren in diesem Zwinger.
Jeden Tag kamen Menschen um die Anderen, die auch auf diesem Grundstück waren zu betrachten und mitzunehmen oder mit ihnen zu spielen. Sie dachte oft darüber nach, wie es wäre, wenn ein kleiner Junge mit ihr auf einer Wiese Ball spielen würde. Für solche kurzen Augenblicke füllte sich ihr Körper mit inniger Wärme, die bis in ihr längst gebrochenes Herz stieg. Sie wäre
so gerne frei. Nie mehr in diesem Käfig. Nicht nur in den Gedanken frei, sondern auch im Herzen.
Jeden Tag kamen Menschen, schauten kurz in ihren Käfig und zeigten mit dem Finger auf sie und riefen, was sie doch für ein hässlicher Hund wäre. Ja, die Schönste war sie nicht mehr. Alt war sie schon. 13 Jahre vielleicht. Mausgraues Fell mit schwefelgelben und pechschwarzen Flecken hatte sie. Sie wünschte sich so sehr hübsch wie der Rottweiler oder der Schäferhund – Husky – Mix nebenan zu sein. Doch so war sie nicht. Die Menschen, die ihr Futter gaben und mit ihr raus gingen wussten nicht, was sie für eine Mischung war. Man konnte es nicht erkennen. So gab man ihr den Namen „Affreux“, die Hässliche.
Wie sollten die Menschen sie auch mögen, wenn sie solch einen Namen trug? Sie wusste es nicht.
So fand sie sich mit ihrem Schicksal ab. Sie hatte es längst aufgegeben vor an die Gitter zu rennen, wenn Menschen davor stehen. Sie gingen ja doch gleich weiter. Den größten Teil des Tages verschlief sie. Nur in der Nacht, wenn sie keiner sehen konnte, kam sie vor zu den Gittern um sich die Nacht und die wunderschönen Sterne anzusehen und von der Ferne und Freiheit zu träumen.
So kam es, dass sie eines Tages nicht bemerkte, wie ein junger Mann vor ihrem Zwinger stand und sie beim schlafen beobachtete. Am Abend als sie gefüttert wurde, erzählte ihr die Fütterungsfrau, dass jemand da war, der 1 Stunde darauf gewartet hatte mit ihr spazieren zu gehen.
Ihre Augen strahlten auf einmal Lebenslust und Freude aus. Sie beschloss am nächsten Tag wach zu bleiben und auf diesen jungen Mann zu warten. Bei jedem Mann, der vor ihrem Zwinger stehen blieb, wedelte sie, doch alle gingen weiter. Dieser eine junge Mann kam nicht. Sie wusste wenn es dämmert, kommt keiner mehr. Dann schließt das Tierheim. Als der Himmel allmählich dunkler wurde, gab sie auf zu warten.
Ihre Augen wurden wieder leer und traurig. Sie trottete gerade in ihr Körbchen,
als die Fütterungsfrau rief: „Affreux, Affreux schau wer da kommt!“ Sie trabte zurück zu den Gittern. Da war er. Der junge Mann, der auf sie gewartet hatte. Er nahm eine Leine, schnallte Affreux fest und lief mit ihr aus dem Tierheim in den Wald. Affreux schlenderte hinter ihm her. Noch nie war sie so froh aus dem Zwinger zu kommen.
Es wurde immer dunkler. Der junge Mann setzte sich mit Affreux auf einen kleinen Hügel im nahegelegenem Wald und sie sahen sich den Sonnenuntergang an. Er erzählte Affreux von den vielen Ländern, in denen er gewesen war, von Australien, wo die Bären in Bäumen wohnen und Känguruhs hüpfen, von Italien, wo er Pasta aß, von Amerika und der Freiheitsstatue. Ja, jetzt fühlte sie sich wohl. Wieder stieg diese Wärme in ihrem Körper auf und sie legte sich nieder und hörte ihm zu.
So ging das viele Wochen. Oft sah sie den jungen Mann aus dem Haus kommen, wo die Pfleger immer waren. Nun wartete sie vorn am Gitter darauf, wieder spazieren zu gehen und von den fernen Ländern zu hören. Und dann eines Tages, saß der junge Mann bei ihr im Zwinger und sagte zu ihr, dass nun der Tag wäre, ab dem sie nie wieder hinter Gittern sein müsste. Als er sie an die Leine nahm und mit ihr aus dem Tierheim ging, drehte sie sich noch einmal um. Nun endlich hat sie jemand gefunden. Endlich würde sie nie mehr alleine sein. Sie war das erste mal in ihrem Leben glücklich.